Mit dem dritten Namenswechsel wird Tradition zugekauft und damit der größte Vorbehalt beseitigt.

Der Giesinger Bräu wird zum dritten Mal in seiner Geschichte umbenannt. Noch dieses Jahr soll die Umfirmierung in Unionsbräu erfolgen. Wie wir aus dem Umfeld der Brauereileitung erfahren haben, will sie damit zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Zum einen wird damit der unschöne Umstand aufgelöst, dass die Brauerei das Gros seiner Sudkessel inzwischen in der Lerchenau und nicht im namensgebenden Giesing stehen hat. Zum anderen befreit sie sich vom wesentlichen Vorwurf, der ihr noch den Weg auf die Theresienwiese verwehrt, dass ihr an Tradition mangle.

Sobald die Umbenennung durch ist, wird das Brauereilogo nämlich den Hinweis „seit 1885“ in sich tragen. Wieso das wichtig ist? Obwohl man in der Lerchenau über einen eigenen Brunnen verfügt und damit seit 2020 „echtes“ Münchner Bier brauen darf, bleibt ihr die Belieferung der Wiesn, oder gar ein eigenes Zelt weiterhin verwehrt. In den Oktoberfestvorschriften sind nämlich alle zugelassenen Brauereien ausdrücklich genannt. Diese Liste möchte die Stadt nicht antasten, um nicht internationalen Konzernen einen Präzedenzfall zu liefern.

Ironischerweise gehören Spaten und Löwenbräu dem internationalen Brauriesen AbInbev und Paulaner zu Teilen Heineken. Hinzu kommt, dass der Hacker-Pschorr-Bräu schon seit den 90ern gar nicht mehr existiert und auch die Wahrhaftigkeit einer Löwenbrauerei mehr als fraglich ist. Die Löwenbräu AG hat nämlich keine eigenen Mitarbeiter mehr. Doch selbst Prinz Luitpold, Nachfahre des Festbegründers König Ludwig I., biss sich am Münchner Bierkartell schon in den 70ern die Zähne aus, weil die Liste nicht um seine Brauerei erweitert werden sollte. Dieses Schicksal soll der neuen alten Unionsbrauerei nicht ereilen.

Entstanden ist diese 1885 in Haidhausen und machte ihren Gründer, Joseph Schülein innerhalb weniger Jahre zum Münchner Bierkönig. Die Brauerei wuchs so schnell, dass sie schon 1921 den strauchelnden Löwenbräu übernahm, ohne aber dessen Marke zu beerdigen. 36 Jahre nach der Firmengründung kaufte sich Schülein damals nämlich Tradition ein. Löwenbräu, ehemals größte Brauerei der Stadt, warb schließlich mit dem (wie sich später herausstellte, falschen) Gründungsjahr 1383. Lediglich die Marken Unionsbräumarken Hellquell und Triumphator überlebten die Fusion. Ein ähnliches Husarenstück will nun Giesinger wagen. Noch dieses Jahr sollen Flaschen der Unionsbräu Erhellung in den Getränkemärkten stehen.

Löwenbräukutschen kurz nach der Übernahme durch Unionsbräu vor dem heute noch existierenden Sudhaus in Haidhausen.
Löwenbräukutschen kurz nach der Übernahme durch Unionsbräu vor dem heute noch existierenden Sudhaus in Haidhausen.

Doch zurück zur Wiesn. Dort muss für die neue Traditionsbrauerei schließlich erst noch Platz geschaffen werden. Marx zweifelte bereits im Umfeld des Starkbiefests an, dass die Bräurosl als Überbleibsel des 1972 in Hacker-Pschorr aufgegangen Pschorr-Bräus weiterhin als eines von ganzen drei Brauereizelten der Paulangruppe existieren sollte. Bebaut werden soll deren Parzelle stattdessen mit einem an das historische Zelt des Unionsbräus angelehnten Zelt.

Das neue Wiesnzelt soll sich optisch am Unionsbräuzelt aus den 1910er-Jahren orientieren.
Das neue Wiesnzelt soll sich optisch am Unionsbräuzelt aus den 1910er-Jahren orientieren.

Um all das auch wirklich umsetzten zu können, heißt es noch, sich auch mit der Landeshauptstadt gutzustellen. Praktischerweise gehören dieser die Gebäude des historischen Unionsbräus an der Einsteinstraße. Weil sie darin ein Wirtshaus samt Hausbrauerei verpachtete, war der Inhaber der Brauereimarke nicht mehr die Löwenbräu AG, sondern die Stadt selber. Strohmänner sollen sie von ihr für den Giesinger Bräu erworben haben. Bier wird am ehemaligen Brauereigelände nämlich schon seit 2012 nicht mehr gebraut und auch für die Gaststätte sucht die Stadt schon seit fünf Jahren vergeblich einen neuen Pächter. Dass der neue Unionsbräu Marx ihr diesen Gefallen tun dürfte, und das ehemals defizitäre Wirtshaus wieder reaktiviert, liegt auf der Hand.

Sollte der Traditionszukauf tatsächlich zum gewünschten Ergebnis, also die Wiesnzulassung führen, wäre zu hoffen, dass die neue Wiesnbrauerei auch dem bayerischen Nationalfest guttut. Dass die Stadt die Wirtezulassungen festbetoniert, indem sie Punkte an diejenigen vergibt, die „seit mindestens 40 Jahren auf dem Oktoberfest stehen, ihr traditionelles Betriebskonzept erhalten haben und damit fester Bestandteil des Oktoberfestes geworden sind“. Darunter versteht die Stadt, wie von uns schon früher kritisiert, jedoch auch diejenigen, die abends eine Showband Top-40-Musik unter der Discobeleuchtung für das hamburger-essende Publikum spielen lässt. Wirte und Brauereien, die mehr Bayern wagen, würden dem Fest guttun.

Wenn Sie, werte Leser, uns zum Abschluss noch etwas Werbung in eigener Sache erlauben: Mit dem Start der Biergartensaison heißt es auch an Bierschutz zu denken. Sie können deshalb bis Donnerstag, 3. April, persönliche Krugdeckel bestellen.

Aktualisierung: Manch einer hats offenbar tatsächlich schon geahnt. Es handelt sich um einen Aprilscherz. Dass die sieben Wiesnbiere nur von vier Brauereien hergestellt werden, ist allerdings tatsächlich so.