Innerhalb von nur vier Jahren sind Festkapellen zur Randerscheinung geworden. Selbst Augustiner zieht jetzt nach.
Allen Unkenrufen zum Trotz war die Wiesn auch in den vergangenen Jahrzehnten ein vergleichsweise traditionelles Volksfest. Während in Bierzelten in ganz Bayern, egal ob Straubing, Karpfham oder Augsburg, Blasmusik längst zu einer Begleiterscheinung der Festeröffnung verkommen ist, und zu den gut besuchten Zeiten die Beschallung von Hochzeitskapellen in überschaubarer Größe besorgt wird, war es auf der Wiesn weiterhin der Normalfall, dass ein Festzelt auch über eine Festkapelle von gestandener Größe verfügt, die jeden Tag von Mittag bis Schankschluss das Zelt bespielt. Das war nahezu einzigartig und eines der Alleinstellungsmerkmale des größten und schönsten Volksfests der Welt. Auch für die einzelnen Zelte sind die Festkapellen wesentliche Identitätsstifter, schließlich lassen sich mit wechselnden Musikdienstleistern Rituale und Gepflogenheiten nur schwer etablieren.

Ein Alleinstellungsmerkmal auf dem Abstellgleis
Erste Risse bekam das Festkapellenkonzept Anfang der Neunziger, als im Hackerzelt mit den Cagey Strings und in der Bräurosl mit der Bayerischen 7 die ersten Nichtblaskapellen als Abendpausenfüller eingesetzt wurden. Mit Rock 'n’ Roll und volkstümlichem Schlager handelte es sich dabei allerdings in den großen Zelten um Randerscheinungen. Tropical Rain, die in der ersten Hälfte der 90er in der Bräurosl erstmals ein zeitgenössisches Hochzeitsprogramm zum Besten gaben, konnten sich damals noch nicht durchsetzen.
Es dauerte bis zur Pandemiepause, auf die auf der Wiesn eine Partybandepidemie folgte, dass aus dem kleinen Riss in wenigen Jahren eine offene Wunde wurde. 2022 wurde in der Schottenhamel-Festhalle die dienstälteste Wiesnkapelle am Abend durch die Showband Südherz ersetzt. Im gleichen Jahr wurde sehr spontan, als Reaktion auf einen Kommunikationsunfall, der zur Abbesetzung einer der arriviertesten Bierzeltkapellen Bayerns, der Kapelle Josef Menzl, führte, in der Bräurosl ebenfalls eine Abendkapelle eingesetzt.

Also keine Pausenfüller mehr, sondern separate Abendkapellen. 2023 folgte die Fischer-Vroni mit dem gleichen Konzept und 2025 wandelte das Winzerer das bereits 2015 eingeführte Pausenkonzept in das neue Abendkapellenengagement um (und setzt heuer gar deren zwei ein). In der Ochsenbraterei ist zwar Matthias Achatz weiterhin ganztägig der Kapellmeister, bestreitet seit 2023 seine Partypowerabende jedoch mit umgestellter Abendformation und beginnt sie mit einem eingespielten Intro, wie man es vorher nur aus Provinzbierzelten kannte.
Das eh noch nie als Traditionsbetrieb geführte Weinzelt („Die Wiesn ist für mich keine Kulturveranstaltung“, Wirt Sebastian Kuffler) und die Käfer Wiesnschänke möchten wir nicht weiter beleuchten, genauso wie den Marstall und seinen Vorgänger Hippodrom, der schon vor seiner Identitätskrise in den 90ern kein gewöhnliches Bierzelt war.

Nachdem das Armbrustschützenzelt schon vor der Pandemie eine Pausenkapelle einsetzte, stellt sich die Frage, welches Zelt als Nächstes fallen würde. Das Schützenfestzelt, das trotz seines Bling-Bling-Publikums immer noch erstaunlich konventionell betrieben wird? Die oft als Touristenzelte gescholtenen Brauereifesthallen von Löwenbräu und Hofbräu, die angesichts der Entwicklung in den anderen Zelten inzwischen sogar als erfrischend münchnerisch bezeichnet werden könnten? In den gerade mal vier Jahren nach der Pandemie war die Wiesnzeltbeschallung völlig aus den Fugen geraten.
Wenigstens das Augustinerzelt ist standhaft
Ganz sicher jedoch wird es nicht das Augustinerzelt sein, das die Beliebigmachung des Oktoberfests vortreiben wird. Diese Kathedrale der Münchner Volksfestkultur; der Hort für alle Wiesndamischen, die von der Identitätskrise der anderen Zelte hineingetrieben, dort heimisch geworden sind. Die Augustiner-Festhalle ist schließlich das Aushängeschild der ältesten Münchner Brauerei, die keine Kundschaft, sondern Jünger hat, die sie für ihr Traditionsbewusstsein, den Holzfassausschank, den Betrieb historischer Brauanlagen in der Innenstadt und die herausragenden Münchner Traditionswirtschaften vergöttern. Die Brauerei, die es geschafft hat, sich durch das Festhalten an Archaismen und durch den Widerstand gegen den Zeitgeist organisch eine Marke zu schaffen, wie man es durch Werbekampagnen nie erreichen könnte.

Augustiner wird in München und weit darüber hinaus, nicht zuletzt aufgrund der Schwäche der anderen Großbrauereien, weniger als Getränkehersteller denn als Kulturbotschafter wahrgenommen. Als der Mitbewerb vom Holzfassausschank abkehrte, hielt Augustiner daran fest, sodass er heute wesentlich zur Wertschätzung der Marke beiträgt, genauso wie die bauchigen Euroflaschen, die derart emblematisch für bayerisches Bier wurden, dass andere Brauereien die Umstellung auf die NRW‑Flasche selbst nach Jahrzehnten wieder rückgängig machten.
Und als die anderen Wiesnzelte längst auf mehrheitlich angelsächsische Populärmusik setzten, überzeugte das Augustinerzelt weiterhin mit bairischer Bierzeltmusik, dargeboten von einer 24-Mann-starken Paradebesetzung. Die Schere in der Wahrnehmung des Augustinerzelts im Vergleich zu anderen Zelten ging gar so weit, dass nicht wenige Wiesngänger das Augustinerzelt gar als das letzte echte Wiesnzelte bezeichnen.
Wie könnte es auch anders sein? Die Brauerei-Festkapelle steht schließlich in direkter Nachfolge der „Original Oberländer“, die erstmals vom Oktoberfestrevoluzzer Georg Lang 1898 eingesetzt, die Bierzeltmusik nicht nur in München, sondern in ganz Bayern revolutionierten. Eine derart bedeutende Blechmusiktradition weiterführen zu können, muss schließlich auch für die heutigen Lenker einer so stark auf Tradition aufgebauten Brauerei als ehrwürdige Verpflichtung gelten.

Oder etwa doch nicht?
Uns ist jedoch geradezu Unglaubliches zugetragen worden: Auf Drängen der Brauereiführung, nicht zuletzt des Vertriebs, wird 2026 ausgerechnet in der Augustiner-Festhalle erstmals eine Showband eingesetzt. An den beiden Freitagen sollen die Abende testweise von einer bislang nicht aus Bierzelten bekannten Lounge- und Partyband übernommen werden, während die letzten beiden Samstagabende von einer Kleinbesetzung der Festkapelle selbst bestritten werden sollen. Nach 13 Jahren des Widerstands gegen vereinzelte Kräfte in der Brauerei sieht sich die Kapelle gezwungen, die traditionellere Ausrichtung des Zelts noch weiter zurückzufahren.

Damit dürfte der Anfang vom Ende der Augustiner-Festhalle als herausragendes Oktoberfestzelt eingeläutet sein. Denn was könnte potenziell passieren, dass diese Umstellung nicht funktioniert? Die Zeltbesucher werden die Partyformationen nicht auspfeifen, wenn sie eh Gewohntes darbieten. Bereits in den letzten Jahren wurde der Kapelle schließlich von der Brauerei verboten, nach 19:30 Uhr noch Blasmusik zu spielen (was in den 2010ern selbst im Hackerzelt als Rückkehr aus der Abendpause noch üblich war).
Und so werden sich die Augustiner-Bierverkäufer, die auf diese Veränderung drängten, voraussichtlich im Nachgang gegenseitig auf die Schultern klopfen und auch in ihrem Zelt das Festkapellenkonzept zu Grabe tragen. Dafür, was für ein Juwel sie in ihrem Brauereizelt, nicht zuletzt dank seiner Festkapelle, haben, scheint ihnen ja offenbar das Gespür zu fehlen und auch ihre Vorgänger haben es der Öffentlichkeit nicht ausreichend bekanntgemacht, dass ihr im Augustinerzelt etwas inzwischen Einzigartiges geboten wird. Hauptsache, jede Stadt zwischen Ost- und Gardasee hat bald ihren Augustinerwirt und den auswärtigen Großkunden kann eine zünftige Oktoberfestparty am Originalschauplatz geboten werden. Die einst so geradlinige, zuweilen widerständige Brauerei, will dafür die Klischees reproduzieren, die andere, dafür gerne belächelte, Münchner Brauereien gesetzt haben.

Doch selbst wenn das in der Brauerei als Lappalie abgetan werden sollte, stellt sich die Frage, was es für die Zukunft des Ansehens der mächtigen Marke Augustiner heißt, wenn diese von Personen bestimmt wird, denen das Verständnis dafür fehlt, wie Ferdinand Schmid diese durch einen unvergleichlichen Sinn für die Münchner Bierkultur und viele Jahre der Missachtung des Zeitgeists schaffen konnte. Die Augustiner-Dominanz am Münchner Biermarkt ist nicht gottgegeben. Löwenbräu oder Spaten waren vor gar nicht allzu langer Zeit auch einmal stolze Marken. Und deutlich bedeutender als Augustiner. In München gibt es tatsächlich schon Unkundige, die meinen, Augustiner würde wegen der einheitlichen Namensgebung und Gebäudeaußengestaltung eine Systemgastronomiekette betreiben. L’Osteria alla Bavarese.
Das Wirtschaftsreferat hat ein Bairisch-Defizit erkannt
Besonders erstaunlich, und das im bestmöglichen Sinne, finden wir, dass im Wirtschaftsreferat wahrgenommen wird, dass die Wiesn programmatisch derzeit eine problematische Entwicklung erlebt. So schrieb der städtische Tourismusdirektor Benedikt Brandmeier Anfang August an die Festkapellen anlässlich des Musikwettbewerbs, „Ziel des Wettbewerbs ist es, die besondere Verbindung zwischen dem Oktoberfest und bayerischer Musik weiter zu stärken. Die Marke Oktoberfest steht für ,traditionell’, bayerisch/münchnerisch’ und ,einmalig’ – diese Werte sollen sich auch in der Musik auf der Wiesn wieder stärker widerspiegeln. Ihre Bereitschaft, neue bayerische Musik aufzugreifen und auf den Bühnen der Wiesn hörbar zu machen, ist ein entscheidender Bestandteil des Projekts.”
Worte, die wir ausdrücklich begrüßen, die jedoch erfahrungsgemäß auf taube Ohren stoßen werden, solange sich an den Lizenzierungsgepflogenheiten der Stadt nichts ändert. Die Ohren gehören schließlich den immer gleichen Akteuren, die zu dieser Entfremdung geführt haben. Deren Soziale-Medien-Kampagne kommt den Kommentaren nach zu urteilen bei einigen als regelrecht sarkastische Provokation an.
Und was denken die Zeltbesucher? Passt zum Trachtengwand die Showband besser als die Festkapelle? Nur ein Aufschrei der Gäste könnte die Augustinerführung jetzt wohl noch bekehren. Über Meinungen freuen wir uns auf Facebook, Instagram und Reddit.
