Das Münchner Oktoberfest ist auch nach mehr als 200 Jahren seines Bestehens eine Bastion bayerischer Gemütlichkeit. Der Drang nach dieser weltberühmten Gemütlichkeit hat in den letzten Jahren dazu geführt, dass immer mehr Menschen in die Wiesnzelte drängen, um an diesem einzigartigen kollektiven Wohlbefinden teilhaben zu können. Die deutlich zu geringe Anzahl an Sitzplätzen führt seit langem zu Problemen mit Reservierungsschwarzhandel oder der Behinderung des Lieferverkehrs in den Morgenstunden durch Warteschlangen vor den Zelteingängen.

Erstaunliches ist derzeit aus gut informierten Wirte- und Behördenkreisen zu erfahren. Man sieht sich heuer nämlich der Lösung dieser Probleme nahe: Nachdem Süddeutsche und TZ bereits Anfang März in Reaktion auf den Oktoberfest-Schlussbericht 2015 schrieben, die Münchner Polizei fordere eine „Obergrenze“ für Zeltbesucher, sind Behörden und Wirte offenbar schon dabei, Nägel mit Köpfen zu machen.

Freilich wäre eine Reduzierung der Zeltkapazitäten nicht bei den Wirten durchsetzbar. Auch die vorgenannten Probleme würden sich durch eine Angebotsverringerung nur noch verschlimmern. Deshalb soll die Obergrenze nicht für die Zahl der Wiesnbesucher, sondern deren Besuche an sich gelten. Diese sollen nämlich kürzer ausfallen, sodass ein Sitzplatz über den Tag verteilt von mehr Gästen als bisher genutzt werden kann. Was auf den ersten Blick abwegig scheint, wirkt bei genauerer Betrachtung wie die Lösung aller Probleme.

Dem Vernehmen nach stellen sich die Wirte das System folgendermaßen vor: Besucher halten beim Betreten des Zeltes ein LED-Armband, das die Aufenthaltszeit im Zelt herunterzählt. Mit jeder Bestellung kann die Besuchszeit um eine halbe Stunde ausgeweitet werden. Ist die Besuchszeit verstrichen, blinkt das Armband in Signalfarben, sodass der säumige Zeltgast vom Sicherheitsdienst leicht identifiziert und entfernt werden kann. Der einzelne Sitzplatz könnte somit effizienter genutzt werden, indem der Besucherwechsel gefördert wird. Dadurch würde auch das stundenlange Amnoagalfesthalten, das Wirte als auch Bedienungen gleichermaßen ein Dorn im Auge ist, verhindert werden.

„30 Minuten pro Maß sind einfach genug“, hat uns ein Wirt wissen lassen, der aufgrund des frühen Planungsstadiums nicht namentlich genannt werden möchte. „Bislang haben nur einige wenige auf der Wiesn das Glück gehabt, gemütlich beisammen sitzen zu können. Das möchten wir ändern und für mehr Gemütlichkeit für alle sorgen.“ Gemütlichkeitsexzesse Einzelner, die teilweise mehr als zehn Stunden lang ihren Platz belegen, behindern derzeit zu oft wartende Besucher bei der Wahrnehmung ihres Gemütlichkeitsstrebens. Die Gesamtgemütlichkeit auf der Wiesn ließe sich also deutlich erhöhen.

Auch im Stadtrat und bei der Polizei kann man sich für diesen Ansatz inzwischen durchaus begeistern, erhofft man sich doch die Lösung zahlreicher Probleme:

  • Die frühmorgendliche Behinderung des Lieferverkehrs durch wartendes Feiervolk könnte deutlich vermindert werden, da langes Anstehen aufgrund der Aussicht auf eine kürzere Besuchsdauer weniger attraktiv würde.
  • Durch die kürzere Verweildauer ließe sich der Alkoholkonsum pro Zeltbesucher und damit Probleme durch ungebührliche Trunkenheit verringern.
  • Eine Ausweitung der Regelung auf reservierte Tische – unter Berücksichtigung des Mindestverzehrs – würde den überteuerten Wiederverkauf derselben lähmen.
  • Die immer stärker und der starken Konzentration auf die Bierzelte leidenden Schausteller könnten von volleren Straßen durch den regen Besucherwechsel gerade in den Abendstunden profitieren.

Die Wiesn soll endlich wieder Gemütlichkeitsweltmeister werden. Damit dies auch sicher gelingt, hat das KVR bereits eine Studie in Auftrag gegeben, in der Prof. Dr. Gibairg vom Center for Social Feel-Good Studies der LMU München, die Umsetzbarkeit der Massengemütlichkeit evaluieren wird.

Diese Meldung war freilich gar nicht einmal so ernst zu nehmen: April, April!

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