Anzapfen

10, 9, 8… Um die achttausend sackrisch durstige und zugleich unbandig vorfreudige Kehlen zählen in froher Erwartung die letzten Sekunden hinunter, bis es endlich zwölf Uhr schlägt. 7, 6, 5… Schön langsam nimmt der Münchner Oberbürgermeister Ziel und treibt schließlich mit zwei bis drei routinierten Schlägen den Zapfhahn in den Hirschen der Spatenbrauerei. Und dann geht alles ganz schnell. Die magischen Worte, das so sehnlich erwartete „Ozapt is“ erklingt, Böller geben den anderen Zelten das Signal, dass sie nun auch anzapfen können und nur wenige Minuten darauf werden Zehntausende vor dem Verdursten gerettet und befinden sich zu den Klängen des Bayerischen Defiliermarsches im Siebten Himmel.

Das bekannteste Ritual ist kurioserweise eines der jüngsten

Vor gar nicht allzu langer Zeit spielte sich dieses Schauspiel noch in anderer Manier ab. Die bekannteste Wiesntradition, die um die ganze Welt gesendet wird, ist nämlich kurioserweise zugleich die Jüngste. Zwar wurde das Oktoberfest bereits ab 1908 um zwölf Uhr mit dem gleichzeitigen Anzapfen in allen Zelten eröffnet und 1913 wurden auch die bis heute erhaltenen Böllerschüsse hinzugefügt, doch gab es bis 1950 gab es keinerlei zentrale Eröffnungsfeierlichkeiten.

Auch im Schottenhamel zapften die Schankkellner selber die ersten Fässer an. Dass es gerade Thomas Wimmer war, der sich erstmals als Stadtoberhaupt in diese Rolle begab, passte ausgezeichnet zu dessen von vielen Seiten verehrten Volkstümlichkeit. Dass er aber auch noch zu Fuß laufend spontan vom damaligen Wirt Michael Schottenhamel jun. mit seiner Kutsche aufgelesen wurden, ist eine Mär, die auch noch Jahrzehnten ihrer Existenz noch nicht der Wahrheit entspricht. Immerhin trainiert war Wimmer damals offenbar nicht. Mit dem falsch in der Hand gehaltenen Schlegel hämmerte er ganze 17 Mal auf den Zapfhahn ein, bis er endlich sicher ins Fass eingedrungen war.

Viel mehr war auch die Eröffnung 1950 bereits ein Ereignis, bei dem sich Fotografen und Journalisten in der Anzapfbox drängelten, um davon zu berichten. Schließlich wurde es vorab angekündigt. Der Wimmer Dammerl, wie er auch genannt wurde, hetzte tatsächlich erst kurz vor zwölf die Theresienhöhe hinunter, auf der er gerade noch eine Messe zu eröffnen hatte, um kurz darauf auch noch wie verabredet die Wiesn zu eröffnen und damit ein Ritual zu begründen, das in der Folge auf zahllosen Festen überall in Bayern adoptiert wurde. Das Bier stammte in den Jahren 1950 und 51 übrigens nicht vom Spatenbräu. Nach dem Scheitern der Preisverhandlungen bezog die Schottenhamel-Festhalle ihren Gerstensaft damals nämlich vom Hofbräu.

Das Anzapfen durch den Oberbürgermeister wird tradiert

Wimmer bekleidetet das Bürgermeisteramt bis 1960. Die Oktoberfesteröffnung war damals zwar bereits untrennbar mit dem feierlichen Anzapfen verbunden, nicht jedoch mit dessen Durchführung durch den Oberbürgermeister – sondern vielmehr von Thomas Wimmer höchstselbst. So übte er das Amt des städtischen Oberschankkellners auch noch bis 1963 aus, bevor er im darauffolgenden Januar verstarb. 1964 wurde infolgedessen aufgeregt nach einem Nachfolger gesucht. Volksschauspieler und- Sänger oder gar der Ministerpräsident wurden vorgeschlagen. Hans-Jochen Vogel, der beliebte aber eben nicht als sonderlich volkstümlich wahrgenommene, neue Münchner Oberbürgermeister, hingegen wurde erst spät und zaghaft in die Diskussion einbezogen.

Offenbar befürchtete manch ein Parteigenosse, Vogel könne sich bei diesem, trotz ihres jungen Alters bereits hochpolitischen Ritual, vor der versammelten Weltöffentlichkeit blamieren. Nachdem man ihm das Erlernen des Anzapfens aber letztendlich offenbar doch zutraute, durfte Vogel endgültig die Wimmerschen Fußstapfen ausfüllen und die Tradition, dass der Münchner Oberbürgermeister die Wiesn auch dann eröffnet, wenn er nicht Wimmer heißt, war besiegelt.

Einmal noch war allerdings eine andere Konstante der Festeröffnung in Gefahr: Der spätere Rekordanzapfer Christian Ude, der 1993 von den Wahlberechtigten zum Anzapfer (und Oberbürgermeister) auserkoren wurde, stellte infrage, ob es denn jedes Jahr die Schottenhamel-Festhalle sei müsse, in der dieser wichtige Akt abgehalten würde. Obwohl diese Frage durchaus berechtigt ist, wurde kein Zeltwechsel eingeführt, wodurch auch der Schottenhamel als Ort für die Ewigkeit bestätigt wurde.

In den anderen Zelten

Das Anzapfen durch Prominente ist inzwischen aus der Mode geraten. Wenn ein Zelt über ein Anzapfritual verfügt, so wird meistens durch die Wirte auf der Bühne ein Fass angezapft. Im Armbrustschützenzelt, dem Hackerzelt und dem Löwenbräuzelt ist dies der Fall. Besonderheit bei Letztgenanntem ist, dass zuvor die Damischen Ritter, die dort eine Box besitzen, einen Prolog halten. In der Bräurosl zapfen entweder Wirt Georg Heide oder Hacker-Pschorr- und Paulanerchef Andreas Steinfatt an. Im Hofbräuzelt darf in der Regel der Finanzminister, der der Brauerei vorsteht, zur Tat schreiten. Im Schützenzelt wird eine von Radio Arabella gestellte Wettbewerbsgewinnerin zur Schankkellnerin gemacht. Im Augustinerzelt und der Fischer-Vroni wird, der Tradition entsprechend kein Fass auf einer Bühne angezapft. Stattdessen zapfen wie eh und je alle Schankkellner in ihren Schänken die dort noch ganz regulär im Einsatz befindlichen Holzfässer an. In den Nichtgenannten großen Zelten wird kein Schaufass angezapft.

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