Der letzten Abend vor der Wiesn wird von Tausenden jedes Jahr für einen ritualisierten, letzten Wiesnbummel ohne Gedränge genutzt, zum Zwecke der Einstimmung auf das nahende Oktoberfest. Nüchtern betrachtet mag das erstaunen. Statt Steckerlfisch sind es vielmehr Abgase, die die Nase auffängt. Anstatt Musik, die aus den Lautsprechern klingt, heulen die Motoren der testfahrenden Fahrgeschäfte vor sich hin. Die Wege sind noch schlimmer zugemüllt als nach einem Wiesnsamstag und der mehrspurige Verkehr täte auch dem sprichwörtlichen Ruf des Stachus recht. Zusammen mit den nur teilweise eingeschalteten Beleuchtungen gibt die Theresienwiese stellenweise eigentlich ein recht trostloses Bild ab.

Doch besonders nüchtern betrachten dürften eben nur wenige Vorwiesnspaziergänger den Moment, wenn sie noch vor ihrem ersten richtigen Wiesnbesuch das nahende Teilzeitparadies betreten, wozu sie die Vorfreude auf die nächsten Tage treibt. Dem geschäftigen Treiben, das kurz vor Fertigstellung noch herrscht, wohnt nämlich paradoxerweise auch eine bemerkenswerte Ruhe inne. So leer wird man den Festplatz an den nächsten Abenden schließlich nie mehr erleben. Die Reizemission ist noch wohl dosiert und dringt leichter zum Rezipienten durch. Probende Festkapellen hört man über die gesamte Wirtsbudenstraße hinweg – einen Tag später reicht es nicht einmal mehr für den Biergarten des gleichen Zeltes.

Vielleicht liegt der Charme dieses Abends schlicht und einfach in seiner Imperfektion. Beleuchtungen werden getestet, Mandeln probegebrannt und unterhalb der Bavaria sitzend hört man, wie der Kapellmeister im Schützenzelt ein Lied unterbricht, weil die Trompeten noch nicht so tun, wie sie sollen. Das schafft eine Intimität, die die zuweilen wegen Überfüllung geschlossenen Bierzelte in den kommenden 16 Tagen kaum noch zu vermitteln in der Lage sind. So bleibt der Zauber des Freitags vor Oktoberfestbeginn zwar ausschließlich durch die Erwartung des Trubels der kommenden Tage begründet, doch ist diese Ruhe vor dem Sturm gerade deshalb ein Pflichttermin im Kalender vieler Wiesnenthusiasten.

Dieser Artikel nimmt an der Blogparade von muenchen.de teil.

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