Hinter der Herzerlfassade verbirgt sich ein ruhigeres, zweistöckiges Zelt, das insbesondere älteres, wohlsituiertes Publikum anzieht.

2014 ersetzte der Marstall das nach 111 Jahren beerdigte Hippodrom. Wie es der Name bereits nahelegt, orientiert sich das neue Zelt stark an dessen Vorgänger. So ist auch die neue Fassade unverkennbar inspiriert von der Jugendstilfassade, die das Hippodrom seit 1985 auszeichnete. Die vor Kitschigkeit nicht zurückschreckende Herzerlform der großen Fenster dürfte dabei allerdings nicht jeder Betrachter gleich in sein eigenes Herz schließen. Bemerkenswerterweise wurde dieser Stil lediglich für die Front verwendet. Die Seitenwände hingegen wurden alpenländisch gestaltet und erinnern tatsächlich eher an einen Hof im Oberland. Innen ist das Zelt klar strukturiert und verzichtet auf viele gängige Gestaltungselemente wie Kränze unter dem Dach. Stattdessen ist die Innenausstattung in erster Linie zeitgenössisch schlicht gehalten.

Neuer Wirt ist der bisherige Kalbskuchl-Betreiber Sigfried Able. Kulinarisch geht das Angebot des Marstalls deutlich über das der Kalbskuchl hinaus. Die beliebtesten Kalbskuchl-Gerichte wurden in die neue Karte übernommen, dazu kommen nun aber auch Wiesnklassiker wie Hendl oder Enten. Die Parallelen zum Hippodrom zeigen sich auch hier wieder. Auch Able bietet nämlich bemerkenswerterweise eine Speise vom Wagyu-Rind an, in diesem Fall ein Tartar. Hinzu kommen ein vegetarisches und mit den abenteuerlich klingenden Holzfäller-Tofu-Pflanzerl sogar ein veganes Gericht und spezielle Angebote für Kinder und Senioren. Unüblicherweise lassen sich Hendl lediglich im Rahmen der Mittagsangebote ohne Beilage bestellen. Auch die restliche Speisenkarte vermeidet Speisen im unteren Preissegment so gut es geht.

Die zehn Hostessen, die wie beim Vorgänger die Besucher vom Eingang abholen und freien Plätzen zuweisen sollen, sind angewiesen, Familien besonders familienfreundliche Plätze anzubieten. Auf beiden Etagen des Zeltes werden sogar Wickelbereiche zur Verfügung gestellt.

2017 sucht man offenbar nach einer neuen Identität für den bislang schwach besuchten Nachmittag. Die Pepi-Kugler-Band soll heuer auch am Nachmittag schon für Stimmung sorgen. Der Abend bleibt der aus dem Hippodrom übernommenen Münchner Zwietracht vorbehalten, die um 18:30 Uhr die Bühne betritt und, nachdem das Licht fast komplett herunter- und die Beschallungslage aufgedreht wurde, eine Oktoberfest-Party feiert, wie sie es wohl auch in Mainz oder Oberhausen macht.

Das Abendpublikum hat sich im Vergleich zum Hippodrom im oberflächlich betrachtet nicht geändert. Hier verkehrt ein älteres, geldigeres Publikum, das sich mit vorbestelltem Champagner empfangen lässt und erst nach 21 Uhr auf die Bänke steigt (was auch vom Sicherheitspersonal durchgesetzt wird) oder sich gleich auf die Champagnerbar im Obergeschoß mit ihren 230 Plätzen stürzt. Prominenz oder gar Münchner sind allerdings ist nicht mehr in größeren Mengen im Zelt anzufinden

Am Nachmittag sind die Gäste bodenständiger und die Dirndlgewänder kommen mit weniger Glitzer aus. Besonders voll ist das Zelt dann noch nicht, gut angenommen wird allerdings der Biergarten. Dennoch wird der Marstall regelmäßig als einziges Zelt geschlossen, da zum Reservierungswechsel das nahezu leere Zelt komplett abgeriegelt wird. Spontanbesucher sollten die Reservierungszeiten also meiden. Auch abgesehen davon ist das Zelt sehr oft geschlossen, selten jedoch wegen Überfüllung. Vielmehr versucht man sich an einer harten Tür.

Der Name Marstall entstand laut Sigfried Able in einer abendlichen Runde im Februar, also erst nach Abgabe der Bewerbung um ein großes Wiesnzelt, die 2014 im dritten Anlauf erfolgreich war. Auch in den Vorjahren rangierten die Ables bei der Bewerberrangliste bereits auf den Plätzen zwei oder drei, bekamen jedoch mangels freien Zeltes vorher keinen Zuschlag. Das Pferdethema bezieht sich laut Able nicht auf den Vorgänger des Zeltes, das Hippodrom, sondern wurde vielmehr aus der Geschichte der Wiesn mit seinen Pferderennen inspiriert. Ausdrücklich am Hippodrom orientieren sich jedoch die Jugendstilfassade und die Zelt-Souvenirs, u.a. der zelteigene Bierkrug. Der künstlerische Verantwortliche der Ables gestaltete nämlich auch bereits für Sepp Krätz.