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Was die Füllmenge eines Maßkrugs über die ethische Qualität ihres Portionierers verrät – und über den, der die Maß bestellt hat.

Schon vor Generationen muss sich der Münchner angewohnt haben, nach dem Erhalt einer Maß Bier sofort deren Füllstand zu ermitteln, um Rückschlüsse auf die moralische Eignung des Schankkellners zu ziehen bezüglich der Aufteilung eines Hirschen in leichter konsumierbare Litereinheiten – seine Schankmoral also. Anders als im deutschsprachigen Ausland, bestellt man in Bayern schließlich kein Glas Bier, sondern unter Angabe des gewünschten Biertypus eine Maß oder eine Halbe, in jedem Fall aber stehen das Getränk und dessen Menge im Vordergrund, nicht das Gefäß. Und weil der Münchner Biertrinker besonders hohe moralische Ansprüche an das Schankpersonal stellt, fällt seine in beträchtlichem Maße argwöhnische Beurteilung des Biervolumens nicht selten negativ aus. Und nicht zuletzt wegen des erhöhten Abgabepreises wird dieses Ritual nirgendwo leidenschaftlicher gepflegt als auf der Wiesn. Allzu oft ist eine Abweichung der servierten von der eigentlich bestellten Menge Bier festzustellen.

Auf den Kopf gestellt wird dieses über Jahrhunderte herausgearbeitete Konzept jedoch vom Augustinertrinker, einer ganz besondere Spezies. Der Augustinertrinker nämlich macht aus der Not eine Tugend und stellt nicht die Menge der Bieres in den Vordergrund, sondern dessen Aggregatzustand. Er bestellt absichtlich eine „Schaumige“, also eine Maß, die Großteils aus Schaum besteht, preislich aber wie eine richtige Maß daherkommt. Die Schaumige ist in den Mittelschiffen der beiden großen Augustinerzelte quasi unbekannt. In der Augustiner-Festhalle allerdings ist sie bei vielen älteren Boxen-Stammgästen, die etwas auf sich halten, durchaus beliebt. Der Legende nach ist so eine Schaumige nämlich bekömmlicher als eine Richtige.

Noch populärer ist die Schaumige jedoch in der ebenfalls von Augustiner belieferten Bratwurst. Dort verkehrt eher untypische Augustinerkundschaft, nämlich ein zumindest oberflächlich wohlhabendes Publikum, das Kitzbüheler Skihütten offenbar mehr schätzt als Bierzelte. Die Schaumige wird dort endgültig zum Statussymbol. Wer sich bodenständig gibt und nicht gleich zum Champagner greift, will sich wenigstens nicht die Blöße geben, auf die ordnungsgemäße Füllung einer Maß Bier zu bestehen. Stattdessen kommt die Schaumige zum Einsatz. Selber Preis, weniger Leistung, höheres Ansehen. (Schank-)moralische Betrachtungen sind manchmal eben doch subjektiver als es zunächst scheint.

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