Versehentlich zu groß bestellte Maßkrüge haben durch Überschank einen Verlust von 320 Millionen Euro verursacht. (Aprilscherz)

Stichprobenartig kontrolliert das Kreisverwaltungsreferat (KVR) jedes Jahr den Füllstand der Maßkrüge auf der Wiesn. Viele Wiesngäste sorgen sich ebenso um eine ausreichende Befüllung ihrer Krüge. Beide Parteien kommen dabei jedoch seit jeher zu unterschiedlichen Ergebnissen. Während das KVR der Meinung ist, die auf der Wiesn verkauften Maßen entsprächen in der Regel tatsächlich einem Liter, sehen die meisten Oktoberfestbesucher in der Regel nur ein dürftig gefülltes Trinkgefäß vor sich auf dem Tisch stehen. Unsere Recherchen haben ergeben, dass beide Seiten recht haben: Die Krüge sind – wie für jeden sichtbar – selten bis zum Eichstrich gefüllt und dennoch wird in der Regel ein ganzer Liter Bier ausgeschenkt.

Als bei der Veröffentlichung des Oktoberfest-Schlussberichtes 2014 vor drei Wochen öffentlich wurde, dass 2014 7,7 Millionen Liter Bier verkauft wurden, obwohl in der Pressekonferenz zum Wiesnende noch von 6,5 Millionen Maß Bier die Rede war, rief der Münchner Merkur einen großen Skandal aus, der bundesweit Gehör fand. Schließlich wurde der Stadt sogar vorgeworfen, sie wolle bewusst den hohen Bierverzehr verschleiern – als wäre ein gscheider Durst etwas Verwerfliches. Diese Diskrepanz von 18% zwischen den angeblich verkauften Maß Bier und dem Bierausstoß in Litern machte uns stutzig und rief förmlich nach einer investigativen Recherche.

Und diese lief auf einen Skandal hinaus – diesmal einen Richtigen. Es wurden offenbar tatsächlich 7,7 Millionen Liter Bier in nur 6,5 Millionen Maßkrüge geschenkt. Die Maßkrüge fassten schlicht und einfach zu viel Bier – und das seit Jahren. Seit 1973 der Keferloher von der Wiesn verbannt und durch Glaskrüge ersetzt wurde, bestellen fast alle Wiesnwirte ihre Krüge beim gleichen Hersteller, welcher nach dem traditionellen Würzburger Maß produziert. Vor der Vereinheitlichung der Bayerischen Maß auf 1,069 Liter und ihrer späteren Verkleinerung auf einen Liter in den Jahren 1806 bzw. 1871, wurden in Würzburg Maßkrüge mit einem Fassungsvermögen von 1,17 Litern hergestellt. Just dieses Maß dient seit Jahrzehnten als Grundlage für die Oktoberfestkrugherstellung.

Dass dies in all den Jahren niemandem auffiel ist der Tatsache geschuldet, dass Keferloher bei gleichem Füllvermögen größer und schwerer als Glaskrüge sind. Die deutlich dünnwandigeren Glaskrüge fassen somit bei gleichem Umfang 17% mehr Bier als die althergebrachten Steinkrüge. Für die offiziellen Schankkontrollen des KVR wird der Inhalt eines Maßkruges in einen Messbecher umgeschüttet, sodass auch bei optischem Unterschank meist ein ganzer Liter gemessen wird, was schlicht und einfach damit erklärt wurde, dass sich auch der Schaum nach einer Zeit in Bier umwandelt. Der ursprüngliche Verdacht, die deutliche Erhöhung der Angabe des Bierabsatzes sei darauf zurückzuführen, dass die Wirte ihren Umsatz nicht kennen und bewusst kleinreden würden, ist somit als absurd entlarvt. Wäre dies tatsächlich der Grund, hätten die Wirte bei der Abgabe ihrer Verkaufszahlen für die Abschlusskonferenz schließlich nicht mehr damit gerechnet, am letzten Wochenende noch eine Maß Bier verkaufen zu können. Ein hanebüchener Gedanke.

Wer sich nun einbildet, es handelte sich bei dieser Entdeckung um eine Provinzposse, der möge sich die wirtschaftliche Dimension des Skandals einmal vor Augen führen: Seit 1973 wurden ca. 190 Millionen Maß Bier auf der Wiesn verkauft. Wurden hierbei 17% Bier zu viel ausgeschenkt, summiert sich der Schaden auf 32,3 Millionen Liter oder bei heutigem Bierpreis rund 323 Millionen Euro. Bei einem jährlichen Bierkonsum von sieben Millionen Litern, wie er in den letzten Jahren oft vorkam, bedeutet dies, dass die Wiesnwirte seit 1973 mehr als viereinhalb Oktoberfeste ihr Bier quasi verschenkt haben.

Für eine Stellungnahme war noch kein Wirt erreichbar.

Wir geben es ja schon zu. Das haben wir uns zum 1. April ausgedacht. Letztes Jahr haben wir Christian Ude das Hippodrom übernehmen lassen.

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