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Wenn der Bierpreis zum Politikum taugt, müsste es der Spezipreis beim Blick auf die Speisenkarten eigentlich auch sein.

Dass der Bierpreis in Bayern seit jeher ein Politikum ist, dürfte jeder wissen, der das Wort Zeitung wenigstens buchstabieren kann. Die alljährliche Diskussion um den Wiesnbierpreis verläuft dabei ähnlich passioniert wie schon vor hundert Jahren, allerdings zugebenermaßen bedeutend gewaltfreier. Die Zahl der brennenden Wirtshäuser und Brauereien jedenfalls wurde in den vergangenen Jahrzehnten auf ein erfreulich niedriges Maß gesenkt. Sobald man sich dazu entschieden hat, ein, zwei oder 400 Euro bei der Jahreshauptversammlung der Stiftung notleidender Wiesnwirte zu spenden, gibt es vor Ort meiner Meinung aber deutlich interessantere Preise als die des Bieres. Während die Maß Bier von den Wirten innerhalb eines Korridors von gerade einmal 45 Cent tarifiert wird, egal ob diese ein bodenständiges Zelt oder einen Schickeriatempel betreiben, ergeben sich beim Essen und dem Weißbier ganz andere Dimensionen.

Beginnen wir beim Weißbier. Wer das eigens gebraute Festbier verschmäht und stattdessen lieber auf ein Franziskaner Weißbier zurückgreift, als könne man das nicht das ganze Jahr kaufen, wird von Wirten und Brauereien sauber gewatscht. Mit der Bratwurst (Hochreiter) und der Enten- und Hühnerbraterei Heimer gibt es gerade einmal zwei Zelte, die weniger als fünf Euro für eine Halbe berechnen. Käfers Wiesnschänke, die sich beim Wiesnbier noch volkstümlich zu geben scheint und das Weinzelt, das gar kein Wiesnbier darreicht, markieren beim Weißbier ihr Revier. 7,10€, bzw. 7,50€ pro Halbe muss einem eine Skihüttenatmosphäre mitten in München offenbar wert sein.

Beim Wasser reicht die Spanne immerhin noch von sechs Euro (Hippodrom, Herzkasperl, Museumszelt) bis 9,40€ (Zur Bratwurst) für eine Maß. Dass die Arbeit der Braumeister der Augustiner-Brauerei, von der letztere ihr Bier bezieht, dem Wert reinen Wassers lediglich 30 Cent zutragen soll, könnte man durchaus als Beleidigung auffassen. Brauer, empört euch. Bitte.

Auch bei den Kracherln ruft die Preisgestaltung teilweise Kopfschütteln hervor. Mit 9,50€ verortet Lorenz Stiftl den Wert seiner Limo in abenteuerlichen Regionen. Dazu kommt noch, dass es tatsächlich nur Limo und keinen Spezi gibt. Dem Zehnjährigen in mir, der wenigsten in Gedanken heute noch seinen Eltern in den Ohren liegt, endlich mal eine ganze Maß Spezi auf einmal zu kriegen, entfährt es, nachdem er den Mund wieder halbwegs hat schließen können,  „koa Späzi? Gehts no?“. Bei den meisten anderen Wirten bleiben wenigstens den Kindern die feuchten Augen verschont. Den Eltern allerdings ganz und gar nicht. Die Herren Schottenhamel bemessen die Spezimaß mit 9,60€, in den Häusern Käfer und Wildmoser gibt man das schwarze Gold gar zu einem Preis von 9,80€ ab.

Einen Ehrenplatz soll in diesem Artikel ein Betrieb bekommen, der sonst nur wenig Beachtung findet, weil seine Preise mangels Bierausschank von der Stadt nicht publiziert werden. In Bodos Backstube kostet der Spezi auf den Liter gerechnet 12€ und eine Saftschorle 13,75€. Aber dafür sitzt man ja in einem Wiesnzelt. A bisserl zumindest.

Beim nächsten Mal nehmen wir dann die Speisenkarten auseinander. Denn auch dort gibt es erstaunliche Beobachtungen zu machen.

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