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Oktoberfestbesucher werden von einem Rausch erfasst, auch wenn sie noch so nüchtern sind.

Der Begriff Rausch wird von Vielen im Wiesn-Kontext vordergründig als Intoxikation verstanden. Angesichts einer nicht geringen Menge an Rauschtrinkern, die jeden Tag auf dem Münchner Oktoberfest anzutreffen sind, mag dies nicht ganz abwegig sein. Die Mischung aus Sauftouristen und hiesigen Alkoholmissbrauchern sorgt nicht nur für ein zuweilen schlechtes Bild der Wiesn, sondern mag auch anderen Wiesnbesuchern manchmal den Genuss des größten Volksfestes der Welt verleiden.

Wer die Wiesn aber von klein auf kennt und sich zurückerinnert, wie er das Fest damals wahrgenommen hat, oder die strahlenden Augen seiner eigenen (nüchternen) Kinder kennt, wird schnell feststellen, dass der Alkohol einen Wiesnrausch vielleicht begünstigt, keinesfalls jedoch ausschließlich dafür verantwortlich sein kann. Der Wiesnrausch beschreibt weniger eine reine Intoxikation, als vielmehr eine ekstatische Reizüberflutung. Auf der Wiesn gibt es schließlich von allem zu viel. Zu viel Lärm, Musik, Bier, Essen, Standl, Fahrgeschäfte, Leute, Schönheiten, Scheußlichkeiten, Bekanntschaften, Lichter,…

Bei einem Spaziergang über die Schaustellerstraße locken von allen Seiten die grellen, hektisch animierten Beleuchtungen unterschiedlichster Geschäfte. Man taucht ein in ein Wirrwarr der unterschiedlichen Beschallungsanlagen: Zeitgenössische Musik, alte Schlager und sogar traditionelle Blasmusik vermischen sich zu einem Faszinosum. Die Rekommandeure buhlen um die begehrte Laufkundschaft, die großen Karussells weisen darauf hin, dass man sich bei ihnen die Nerven noch schöner kitzeln lassen könne als anderswo, der Schichtl präsentiert seine betörend schöne Piggy, das „Spanferkel im Dirndl“ und die Revue der Illusionen preist „Kinder normaler Eltern“ an, die entweder von irgendetwas zu viel oder zu wenig haben. Dazwischen bringen unvorstellbar große Luftballonsträuße Kinderherzen zum Kreischen.

Auf der Wirtsbudenstraße wird der Lärm weniger dominant, dafür beanspruchen die Gerüche größere Aufmerksamkeit für sich. Tausende von Spanferkel- oder Haxnsemmeln wollen schließlich frisch verspeist werden. Genauso Auszogne, Gebrannte Mandeln oder Zuckerwatte. Den olfaktorischen Höhepunkt aber stellt die Freiluftgrillstelle der Fischer-Vroni dar. Die dort gegarten Forellen und Saiblinge betören vorbeiziehende Nasen derart, dass sie gleich zu tausenden im glücklicherweise direkt daneben aufgebauten Bierzelt verweilen.

In den Bierzelten wird die Musik wieder wichtiger. Ein besonderes Ohrenschmankerl ist aber auch das Klirren der Maßkrüge, das erklingt, wenn der Käufer einer frischen Maß durch kollektives Anstoßen zu seiner wohldurchdachten Kaufentscheidung beglückwünscht wird. Besonders wichtig in den Zelten sind aber auch die Festbesucher. Zum einen ihre Optik, die bezaubern oder gerade in Bezug auf die zahlreichen Trachtenverrenkungen eher belustigen mag. Derart oberflächlich geht es an einem guten Wiesntisch in der Regel aber nicht zu. Es wird politisiert und philosophiert. Der Grundstein zu Ehen wird gelegt, manch eine Beziehung aber auch ihres monogamen Fundaments beraubt. Bekanntschaften werden geschlossen, Namen ausgetauscht und wieder vergessen und nach zwei Wochen sind plötzlich Fabelwesen entstanden, die unterschiedliche, ihren Urhebern nicht mehr zuordenbare Geschichten in sich vereinen. Die Fülle an Bekanntschaften überfordert eben zu weilen.

Das alles führt dazu, dass der Festplatz in einer Glückseligkeit beschritten und auch wieder verlassen wird, wie man sie unter dem Jahr allzu oft vermisst. Den Wiesnrausch gibts nämlich nur auf der Wiesn selber.

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