26. September 1980: Vor dem Haupteingang des Münchner Oktoberfestes explodiert kurz vor Schankschluss eine Rohrbombe. Ein Selbstmordattentäter reiß 13 Menschen mit in den Tod und verursacht 211 Verletzte, darunter 68 Schwerverletzte. Vor dem Hintergrund, dass am darauffolgenden Samstag 600000 Besucher erwartet werden, wird eilig beschlossen, das Oktoberfest nicht zu unter- oder gar abzubrechen. Erst vier Tage später wird der Betrieb im Rahmen der offiziellen Trauerfeier für einen Tag unterbrochen.

26. September 1980: Vor dem Haupteingang des Münchner Oktoberfestes explodiert kurz vor Schankschluss eine Rohrbombe. Ein Selbstmordattentäter reiß 13 Menschen mit in den Tod und verursacht 211 Verletzte, darunter 68 Schwerverletzte. Vor dem Hintergrund, dass am darauffolgenden Samstag 600000 Besucher erwartet werden, wird eilig beschlossen, das Oktoberfest nicht zu unter- oder gar abzubrechen. Erst vier Tage später wird der Betrieb im Rahmen der offiziellen Trauerfeier für einen Tag unterbrochen.

Dieses Attentat ist bis heute der schwerste Terroranschlag, der die Bundesrepublik Deutschland je ereilte. Davon unbeeindruckt haben in den letzten 36 Jahren Millionen Wiesnbesucher den Anschlagsort passiert. Insbesondere von den 6,2 Millionen Menschen, die im Jahr darauf die Wiesn besuchten, dürften sich nahezu alle des tragischen Ereignisses bewusst gewesen sein. Doch sie kamen trotzdem und ließen sich ihre Laune nicht durch den Anschlag und auch nicht aus Angst vor weiteren Gewaltakten verderben.

Es folgte keine „Hochsicherheitswiesn“. Keine Zäune, keine Sicherheitsschleusen. Damals waren noch nicht einmal Taschenkontrollen üblich. Wissen Sie wie man das Sicherheitskonzept infolge der Bombenexplosion anpasste? Die Mülleimer wurden demontiert und bis heute nicht wieder aufgebaut. Die Bombe explodierte nämlich in einem solchen. Freilich dürfte jedem der Verantwortlichen klar gewesen sein, dass der Mülleimer zur Durchführung des Attentats weder hinreichend noch notwendig war und sich die Sicherheitslage durch diese in erster Linie symbolische Reaktion in keiner Weise besserte.

Sicher war die Wiesn dennoch. Und das, mit Ausnahme dieses einen Ereignisses, über 200 Jahre lang, insbesondere in den 35 Jahren nachdem Attentat. Gewaltverbrechen sind heute eine Seltenheit, während der dienstälteste Wiesnwirt, Wiggerl Hagn, zu berichten weiß, dass noch vor einigen Jahrzehnten nicht Mann gegen Mann, sondern Tisch gegen Tisch und Reihe gegen Reihe, wenn nicht gar Schützen- gegen Löwenbräuzelt gerauft wurde. Die Wiesn erlebt derzeit eine der friedlichsten Phasen ihrer Geschichte.

Das Oktoberfestattentat hingegen fiel in eine Zeit, in der das Olympiaattentat von München gerade einmal acht Jahre her war und das Land vom RAF-Terror erschüttert wurde. Und dennoch war im Nachgang kaum etwas von einer Sicherheitshysterie zu spüren, wie es heute der Fall ist. Anstatt zu fordern, das unvermeidliche vermeidbar zu machen, konzentrierten sich die Medienberichte neben der Täterfrage zunächst in erster Linie auf die schamlose Ausschlachtung des Ereignisses durch Franz Josef Strauß in dessen Kanzlerwahlkampf.

35 Oktoberfeste lang war das größte Volksfest der Welt im Großen und Ganzen für die Öffentlichkeit offenbar irgendwie sicher genug. Zwar war Sicherheit immer wieder ein Thema und hat beispielsweise zu inzwischen recht systematischen Zeltschließungen bei drohender Überfüllung geführt. Doch selbst der Anschlag auf das World-Trade-Center, der kurz vor dem Oktoberfest 2001 erfolgte, hatte keine nachhaltigen negativen Auswirkungen auf der Münchner Lieblingsfest.

Inzwischen sind das öffentliche Sicherheitsstreben und die Hysterie, die dessen Bedrohung verursachen kann, offenbar noch einmal deutlich gestiegen. Neben dieser ganz allgemeinen gesellschaftlichen Tendenz, alles und jeden in Watte packen zu wollen, hat es für die aktuelle Münchner Sicherheitsdebatte allerdings noch einen konkreten Anlass gebraucht, um für ausreichend große diffuse Verunsicherung zu sorgen.

Und dieser Anlass ist gar nicht so leicht greifbar. Die beiden Vorfälle in Ansbach und Würzburg dürften aufgrund ihrer geringen Opferzahl und der Tatsache, dass keine (Bewegt-) Bilder davon existieren für eine solche Hysterie wahrscheinlich nicht ausreichend sein. Für das Münchner Befinden erheblich bedeutsamer ist wohl der OEZ-Amoklauf. Dieser weder der erste noch der schwerwiegendste Amoklauf in Deutschland. Es ist wahrscheinlich der zeitliche Zusammenfall der verschiedenen islamistischen Anschläge in Europa und des Amoklaufs, zusammen mit einer grundsätzlichen Ablehnung von Flüchtlingen der Boden, auf dem die derzeitige Hysterie wächst.

Der Stadtrat, der vor dem Amoklauf noch sehr besonnen auf den merkwürdigen Antrag gegen „Wetter, Köln und Terror“ reagierte und eine Verschärfung der Sicherheitsmaßnahmen ablehnte, bekam nach dem Amoklauf plötzlich kalte Füße und sah sich offenbar genötigt, wenigstens Augenwischerei zu betreiben. Denn um mehr kann es bei einem Verbot von Taschen, deren Trageriemen auf beiden Seiten des Halses (Rucksack) anstatt auf nur einer (Handtasche) getragen werden nicht gehen. Die 200 zusätzlichen Ordner, die für die diesbezüglichen Kontrollen benötigt werden, kommen der Stadt, die mit den Standgebühren keinen Gewinn erwirtschaften darf, 820000€ zusätzlich.

Absurderweise führt die Durchsetzung dieses Verbots nun dazu, dass man die anreisenden Menschen genau an dem Ort für Kontrollen aufstauen muss, wo sich 1980 ein Neonazi in die Luft sprengte. Wem ist damit gedient? Sollte es einem Selbstmordattentäter darum gehen, möglichst viele Menschen in den Tod zu reißen, dürften seine Erfolgsaussichten in der wartenden, verdichteten Menge vor dem Eingang wohl größer als auf dem Festplatz selber sein. Dass Messerattacken, die in der letzten Zeit hin und wieder mit einer islamistischen Motivation begründet wurden auch durch Kontrollen nicht verhindert werden, sollte jedem klar sein, der einmal vor einer Großveranstaltung abgetastet wurde.

Wenn der praktische Nutzen also nichtig sein dürfte, stellt sich die Frage, wem die Augenwischerei dieser Maßnahme zugutekommt? Lassen sich wirklich Menschen, die jeden Tag bewusst oder unbewusst mehr oder weniger große Risiken eingehen und damit kein Problem haben, gleichzeitig aber regelrecht panische Angst haben, zu den extrem wenige Terroropfern zu gehören, wirklich durch diese symbolische Maßnahme der Unbegründetheit ihrer Ängste versichern? Oder wollen sich möglicherweise die Sicherheitsbeauftragten schlicht und einfach nicht nachsagen lassen, nichts getan zu haben?

Die Kommentatoren in den Sozialen Netzwerken, die die Sicherheitsmaßnahmen nicht selbst als Symbolpolitik entlarven, finden in der Regel in der Merkelschen Asylpolitik ihren Sündenbock. Doch es ist eben nicht eine neue Bedrohung, die die Stadt heute zu etwas veranlasst, was sie im Juli noch für unnötig hielt. Es ist die Hysterie, die genau diese Menschen verursachen, die uns in unserer Freiheit mehr und mehr einschränken. Dafür brauchen wir schließlich keinen Daesch, das können wir schon selber.

Wird nicht denen, die eigentlich nicht von irrationalen Ängsten geplagt werden, mit jeder zusätzlichen Sicherheitsmaßnahme das Gefühl gegeben, dass sie vielleicht lieber doch Angst haben sollten? Im Eingangsbereich der französischen Disneyparks werden sie nach der Kontrolle mit Metalldetektoren von mit Sturmgewehren patrouillierenden Soldaten empfangen. Anschaulicher könnte der Kontrast zwischen der perfekten Traumwelt, in die man eigentlich den Abgründen menschlichen Handelns entfliehen wollte, gar nicht dargestellt werden.

Derartiges kann sich für die Wiesn kaum einer wünschen. Und falls doch jemand meint, dass dies aus Sicherheitsüberlegungen heraus notwendig sein könnte: Sicherheitsschleusen auf Flughafen weisen ein noch höheres Sicherheitsniveau auf. Und dennoch waren Flughäfen in der letzten Zeit ein besonders beliebtes Anschlagsziel.

Sehr geehrter Herr Bürgermeister Josef Schmid, wenn Sie sagen, man dürfe sich in seiner Feierlaune durch Terroristen nicht einschränken lassen, denken Sie bitte daran, welch widersprüchliche, defätistische Signale Sie mit diesen Maßnahmen senden.

Facebook Twitter Google Pinterest