Seit heute ist einiges mehr bekannt über den Hippodromnachfolger Marstall, das neue Wiesnzelt von Sigfried Able. Dieser wurde mit seiner ersten erfolgreichen Bewerbung um ein großes Zelt auf dem Oktoberfest gleich im städtischen Bewertungssystem auf Platz zwei und damit vor einige Branchengrößen gesetzt. Es hieß gar, Able habe „die Musterlösung“ abgegeben. Nun wissen wir also, wie sich der ehemalige Wirtschaftsreferent und damit mit der Bewertung der Wirte beauftragte Dieter Reiter sich ein perfektes Wiesnzelt vorstellt. Im Wesentlichen kann die Antwort lauten, gar nicht so viel anders wie das Hippodrom auch schon. Able wollte zwar weder Zelt noch Rechte oder Kundenkartei von seinem Vorgänger Sepp Krätz kaufen, doch scheint es, als würde das Hippodrom einfach unter neuem Namen weitergetrieben.

Wie schon das Hippodrom beschallt die Münchner Zwietracht auch den Marstall, das Pferdethema bleibt freilich auch und auch der hohe Grad an wirtschaftlicher Optimierung ändert sich nicht. Reserviert wird in drei Schichten. Ruderte Krätz in den Vorjahren noch zurück und reduzierte den Prokopfmindestverzehr auf 45€, zieht sein Nachfolger die Daumenschrauben an und setzt in seinem Mastbetrieb auf Hochleistungsgäste. 60€ und damit 15€ pro Stunde soll sich dem Marstallbesucher so eine Abendreservierung schon wert sein. Der Mindestverzehr wird dabei nicht wie in den meisten Zelten in Form von Hendl- und Biermarken erworben, sondern ist ausschließlich zum Zeitpunkt der Reservierung zu verzehren. Von einer kostenlosen Reservierung kann hier wohl kaum noch gesprochen werden. 13,50€ Bearbeitungsgebühr werden übrigens zusätzlich fällig.

Ein weiteres Ärgernis ist der Menüzwang. Mittags ist zwingend ein Brotzeitbrettl, abends ein ganzes Menü, dessen Bestandteile bereits Monate im Voraus bestellt werden müssen, im Mindestverzehr inkludiert. Dies führt zur absurden Situation, dass selbst dieser hohe Mindestverzehr kaum für einen Abend reichen dürfte, fallen doch 45€ bereits auf das Menü, wodurch lediglich 15€ pro Person für Getränke ausgegeben übrig bleiben. Da 600€ Umsatz an einem Tisch innerhalb von drei Stunden aber noch keinen Wiesnwirt zum Frohlocken auflegen, bietet sich zusätzlich die Möglichkeit, bereits Champagner vorzubestellen. So lässt sich die Kernzielgruppe bereits bei der Zuteilung der Reservierungen herausfiltern. Der Weißhäuplsche Groll über die schlechten Mastbedingungen der Wiesngäste ist mit drei Jahren offenbar schon zu lange her.

Nun dürften sicher einige die Aufregung über diese straffen Konditionen nicht verstehen. Schließlich werden solche kundenunfreundlichen Bedingungen angesichts des immer zu knappen Platzangebots vom Kunden akzeptiert. Doch woher stammt diese Gewissheit? Nur daher, dass die Stadt München den Wirten eine Plattform zur Verfügung stellt, die ihnen eine Lizenz zum Gelddrucken bedeutet. Sollte sich Herr Able nicht schon kurz nach seinem Antritt etwas zu Schulden lassen kommen, ist er bis auf weiteres Einkommensmillionär. Am Fürstenrieder Frühlingsfest würde ihm das nicht gelingen. Auch nicht, wenn die Stadt angemessene Platzgelder verlangen würde, was sie nicht tut, um nicht als Preistreiber dazustehen.

Müsste die Stadt München somit nicht mehr Wert auf ihre Gestaltungshoheit setzen? Letztendlich wirkt es so, als müsse sie sogar die Wirte vor sich selbst schützen. Es scheint jedenfalls wahrscheinlich, dass der betriebswirtschaftliche Optimierungsdrang einiger die Grundlage ihres Millionengeschäfts zugrunde zu richten in der Lage wäre.


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